Wir sind zusammengekommen für Europa, haben weitergemacht für Berlin

Poetry-Slam-Text über das Wahlprogramm von Volt Berlin für die Berliner Abgeordnetenhauswahl 2021

Da saßen wir nach der Europawahl,
Hatten nen Sitz
Und blickten auf das, was vor uns lag.
Europa, klar, das wollen wir vereinenen,
Und auch vor deine Haustür tragen,
Aber Berlin?
Hundert weiße Seiten, das,
war damals unser Wahlprogramm.

So gingen wir auf die Straße und fragten:
“Wenn du Bürgermeisterin von Berlin wärst, was würdest du ändern?” Wir sammelten die Antworten, Sprachen mit Expertinnen,
Bohrten tief nach wissenschaftlichen Erkenntnissen,
Füllten Dokumente bis sie bersteten,
Führten Diskussionen, die nicht endeten,
Alles für ein Berlin
Und die Demokratie.

//
Wir waren
zusammengekommen für Europa,
Haben
Weitergemacht für Berlin.
Suchten Lösungen für Probleme
Und schrieben die in unsere Policies.

Wir waren
zusammengekommen für Europa,
Haben
Weitergemacht für Berlin.
Wir wollen vereinen, nicht spalten,
Das ist unser Ziel.
//

Vor uns lagen Wissensberge,
Doch welche sollten wir erklimmen?
Wir mussten priorisieren.
Merde.
Fünf Schwerpunkte sollten es werden,
So stimmten wir ab,
Es war knapp,
Und am Ende standen dort in goldn’er Umrahmung:
Mobilität, Bildung, Wohnen, Digitalisierung und Verwaltung :>

Tiefer in die Themen ging es rein,
Es wurde konkret,
Fangen wir an mit Mobiltät:
Klimafreundlich und gerecht soll sie sein,
Dafür müssen wir den Platz umverteil’n.
Fuß, Rad, Bus und Bahn nutzen,
Die Automassen stutzen.
Deshalb gibt’s ne soziale City Maut,
Die Parkgebühren müssen rauf,
Tempo 30 als Standard,
U-Bahnen wenn machbar,
Rufbusse wenn sonst nichts fährt,
Begegnungszonen für den Fußverkehr,
Sichere Radwege an Hauptverkehrsadern,
Car- und Bike-Sharing ohne Aufwand zu haben,
Kiezblocks für ne verkehrsberuhigte Nachbarschaft,
Der Lieferverkehr kriegt City Hubs.

Na habt ihr Bock?
Dann gibt deine Stimme den
New Kiez on the Block

Ok, ok, etwas langsamer mit der nächsten Schilderung.
Das Thema ist: Bildung.
Alle sagen “Bildung ist wichtig”,
Aber Aufmerksamkeit dafür? Nichtig.
Dabei sollte sie uns begleiten, ein Leben lang,
Im Mutterbauch mit Hebammen angefangen,
Dann Kita, Schule, Ausbildung und Uni,
Weiterbildung bis ins hohe Alter, gerade bei IT.

Zudem ist es Zeit für Zukunftsfähigkeit.
Es geht ums Bilden einer Persönlichkeit,
Entwickeln von Reflexionsfähigkeit,
Erziehung zu politischer Mündigkeit,
Aufklärn über Klimawandel und -gerechtigkeit.
Das sind intrinsische Gründe gegen das Schwänzen
Und nicht nur Karriere-Skills und Lebenslauf-Kompetenzen.

Lasst uns Bildung weiterdenken,
In eine ganzheitliche Richtung lenken.
An der Uni mehr Studium Generale,
Eine effizientere Kitaplatzvergabe,
Inklusions- und Innovationsbeauftragte,
Meister-Abschlüsse fördern? Keine Frage.

Und für den ersten Schritt brauchts keinen Erfinder.
Der Slogan heißt:
Berlin, hör’ auf deine Kinder.

//
Wir waren
zusammengekommen für Europa,
Haben
Weitergemacht für Berlin.
Suchten Lösungen für Probleme
Und schrieben die in unsere Policies.

Wir waren
zusammengekommen für Europa,
Haben
Weitergemacht für Berlin.
Wir wollen vereinen, nicht spalten,
Das ist unser Ziel.
//

== Gut, 3 Minuten sind gut rum, fürn normalen Slam-Text hat man 5 Minuten, aber das werd ich wohl überziehen, aber gut, ich versuchs, die nächsten 3 Themen ==

Wohnen ist nicht nur Profit,
Unser Vorbild heißt hier: Wien.
Genossenschaften stärken,
Sozialwohnungen vermehren,
Rechtshilfe gewähren,
Mileuischutz? Gern.

Genauso wichtig ist: Klimaneutral
Mit nachhaltigem Baumaterial,
Solarzellen + Pflanzen auf Dächern,
Modernisierungsförderung verbessern,
Immobilien transparent registrieren,
Den Genehmigungsprozess digitalisieren.
Und ökonomisch sind wir keine Niete
Wir wissen alle:
Bauen ist die halbe Miete.

Die Digitalisierung bringt Gesellschaft und Wirtschaft voran,
Ein Update für mein.berlin.de ist erst der Anfang.
Bürgerräte und Bürgerbudgets,
Open Source + Open Data, wo es nur geht,
Smart-City-Projekte europäisch vernetzen,
Unternehmertun als Karriepfad setzen.
Gründen erleichtern,
Daten sicher speichern,
Schluss mit Supervectoring,
Stattdessen Glasfaserausbau und nicht nur im Ring.
Für ein flüssiges Videocalling,
Denn ob Zoom oder Jitsi,
Auf der Datenautobahn gilt:
Schnell ist sexy.

Nur eine Sache hat noch mehr Appeal,
Und wer sie angehen will, der braucht Stil.
Denn in Berlin läuft ohne sie gar nichts rund,
Flirten wir auf Augenhöhe mit unserer Verwaltung:

Hey, wie wär’s mit agilem Management,
Reform der Gesetze für mehr Transparenz,
Klare Verteilung von Zuständigkeiten,
Zwischen Senat und Bezirken ne bessere Aufgabenteilung
Für die BVVs gibt’s politische Bezirksämter.
Damit klar ist:
Berlin macht keine kindischen Ping-Pong-Spielchen mehr,

Und lass uns effizient sein,
Behördengänge gehen auch online,
Ne E-Akte bringt dich in Schwung
Und dann bauen wir uns
Ne Senatsverwaltung
Für Digitalisierung.
Siehst du,
Ich denk auch an Nachwuchs.
Denn all das zieht junge Talente in Massen.
Also meine Liebe:
Schluss mit Faxen.

//
Wir waren
zusammengekommen für Europa,
Haben
Weitergemacht für Berlin.
Suchten Lösungen für Probleme
Und schrieben die in unsere Policies.

Wir waren
zusammengekommen für Europa,
Haben
Weitergemacht für Berlin.
Wir wollen vereinen, nicht spalten,
Das ist unser Ziel.
//

Deutsche Wohnen und Co. Enteignen: Ein juristisches Risikospiel

“Berlin ist Hauptstadt der Mieter” schreibt der Tagesspiegel in seiner umfassenden Analyse “Wem gehört Berlin?”. Mehr als 80 Prozent der Wohnungen in Berlin sind Mietwohnungen, und die wurden in den letzten Jahren zunehmend teurer. 2015 lag die durchschnittliche Angebotsmiete noch bei 8,50 Euro pro Quadratmeter, 2020 bei 12,20 Euro – ein Anstieg um 44 Prozent.

Viele Berliner*innen fürchten sich nun davor, dass nur noch sehr wohlhabende Menschen sich in der Stadt eine Wohnung leisten können und mittlere und untere Einkommensschichten verdrängt werden. Immer wieder hört man auch von Mieter*innen, die von ihren Vermieter*innen rechtlich unter Druck gesetzt oder mit gefälschten Nebenkostenabrechnungen gar betrogen werden. Auch wir von Volt Berlin sehen diese Entwicklung mit Sorge. In unserem Wahlprogramm beschreiben wir daher viele verschiedene Maßnahmen, um diesen Herausforderungen zu begegnen. So werden wir zum Beispiel…

städtische Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften sowie neue Formen des gemeinschaftlichen Wohnens stärken.

… eine kostenlose staatliche Beratung für Mieter*innen einführen  und die konsequente Anwendung der Mietpreisbremse durchsetzen. Ergänzend wollen wir ein umfassendes Online-Portal zur Berechnung und Kontrolle der Miete aufbauen.

… ein digitales Immobilien-Registers schaffen, damit für mehr Transparenz am Mietmarkt sorgen und gleichzeitig die Bekämpfung von Immobilien-Geldwäsche unterstützen.

Außerdem wollen wir das Baurecht vereinfachen, damit Wohnungen schneller entstehen können, klimaneutrale Materialien fördern und noch vieles mehr. Es gibt bei der Wohnungspolitik nicht die eine einfache Lösung, mit der plötzlich mit einem Fingerschnipp alles besser wird. Die Initiative “Deutsche Wohnen und Co. Enteignen” verspricht aber genau das – und könnte dabei alles noch schlimmer machen.

Worum geht es?

Die Initiative “Deutsche Wohnen & Co.” hat mehr als 350.000 Unterschriften für ihr Volksbegehren gesammelt: Am 26. September wählen die Berliner*innen deshalb nicht nur den Bundestag, das Abgeordnetenhaus und die Bezirksverordnetenversammlungen. Sie stimmen auch darüber ab, ob die Stadt Immobilieneigentümer*innen enteignen sollte, die mehr als 3000 Wohnungen besitzen. Diese Wohnungen sollen in eine Anstalt öffentlichen Rechts (AöR) übertragen werden. 

Diese AöR wird der Initiative zufolge “durch Mieter*innen, gewählte Vertreterinnen und Vertreter der Stadtgesellschaft unter Mitbestimmung der Angestellten” verwaltet. Die jetzigen Eigentümer*innen der Wohnungen, darunter Vonovia, Akelius und weitere Immobilienkonzerne sollen entschädigt werden. Anschließend sollen die Mieten gesenkt werden. Nach derzeitigen Schätzungen wird die Enteignung rund 240.000 Wohnungen betreffen.

Rechtlich ist das wahrscheinlich sogar möglich. Die Forderung fußt auf Artikel 15 Grundgesetz: “Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.” Dabei soll die Entschädigung „unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten” bestimmt werden (Artikel 14, Satz 3).

Doch wie hoch ist die Entschädigung?

Der Verkehrswert der Wohnungen beträgt laut Senatsberechnungen 36 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der Berliner Haushalt 2020 betrug 31 Milliarden Euro, der Schuldenberg von Berlin liegt bei 58 Milliarden Euro. Es würde also auf einen Schlag mehr Geld ausgegeben als Berlin in einem Jahr ausgibt und Berlins Schuldenberg würde nochmal um die Hälfte steigen. Eine immens hohe Summe.

Der Initiative zufolge würde man aber diese Milliarden aus den Mieten über 40 Jahre lang zurückzahlen. Dazu würde man den enteigneten Unternehmen Schuldverschreibungen geben und die Schulden nach und nach abstottern. Das Problem daran ist: Die Initiative hat selbst errechnet, dass sie bei einer Entschädigungssumme von 36 Milliarden Euro die Mieten von durchschnittlich 6,71 € auf 8,87 € erhöhen müsste – sonst könnte man die Schulden nicht in 40 Jahren abbezahlen.

Deshalb will die Initiative weniger zahlen, und zwar um die 8 bis 18 Milliarden Euro – also bis zu einem Viertel des Verkehrswertes. Denn dann würden die Mieten nach ihren eigenen Berechnungen bei 3,70 €/m² bzw. 5,53 €/m² liegen. Doch ist ein Viertel des Verkehrswertes wirklich “angemessen”?

Laut Grundgesetz muss die Entschädigung „unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten” ermittelt werden, und auch das Europarecht verlangt bei Enteignungen eine “angemessene Entschädigung”. Kann also diese Entschädigung „deutlich unter Verkehrswert“ liegen, wie die Initiative fordert?

In einem Gutachten für die Linksfraktion steht, dass sich die Entschädigung nicht am Verkehrswert zu orientieren habe, allerdings müsse sie “Ergebnis eines Interessenausgleichs sein und nicht einseitig die Interessen des Betroffenen – allerdings ebenfalls nicht einseitig die der Allgemeinheit – anerkennen”. Allerdings wird nicht klar, woran sich dieser Interessensausgleich zu orientieren habe, wenn nicht am Verkehrswert.

Ein Gutachten für den Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen ist da klarer: „Ausgangspunkt der Abwägung ist der Verkehrswert des Objekts“, von dem der Gesetzgeber aber abweichen könne. Auch dem Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes des Abgeordnetenhauses zufolge müsse sich die Entschädigung am Verkehrswert orientieren. Auch einige weitere Gutachter halten eine Entschädigung unterhalb des Verkehrswerts für möglich. 

Allerdings sagt kein Gutachten, dass eine Entschädigung „deutlich“ unter Verkehrswert liegen darf. Einige schließen das sogar explizit aus. Doch genau das ist es ja, was die Initiative fordert: Die Aktivist*innen wollen nur die Hälfte oder nur ein Viertel des Wertes zahlen, mit der Begründung, dass sonst die Mieten steigen müssten. Ich halte diese Begründung für nicht ausreichend und folge dem Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes des Abgeordnetenhauses, der schreibt: 

“Würde der Verkehrswert bei der Anwendung von Art. 15 GG grundsätzlich als unbeachtlich angesehen und die Höhe der Entschädigung nur an der Fähigkeit bzw. Bereitschaft des Gesetzgebers ausgerichtet, für eine erwünschte Vergesellschaftung finanzielle Mittel in einem bestimmten Umfang aufzubringen, würde damit letztlich der Staat selbst über die Substanz der durch Art. 14 GG geschützten Rechtspositionen bestimmen. Eine derartige Entschädigungspraxis würde der Bedeutung von Art. 14 GG als Abwehrrecht gegen den Staat nicht gerecht.” (S. 23)

Soll heißen: Wenn der Staat einfach die Entschädigungssumme danach festlegen darf, was er zu zahlen bereit ist, ist das Grundrecht auf Privateigentum nichts mehr wert. Dieses Grundrecht garantiert aber eben, dass der Staat nicht einfach willkürlich Menschen enteignen kann. Daher wird die Entschädigungssumme sich meiner Ansicht nach sehr wohl am Verkehrswert orientieren müssen. Und auch wenn sie darunter liegen darf, glaube ich kaum, dass der eigentliche Wert einfach halbiert oder geviertelt werden darf. Und übrigens: Selbst bei einer Entschädigungssumme von 29 Milliarden würden die Mieten laut der Initiative von 6,71 € / m² auf 7,53 € / m² steigen.

Fazit

Berlin würde also ein juristisches Risikospiel eingehen, dessen Ausgang alles andere als klar ist. Mieter*innen würden so über Jahre hinweg im Ungewissen darüber gelassen, wem nun ihre Wohnung gehört und wie viel Miete sie nun zahlen müssen. Im schlimmsten Fall müssen sie am Ende sogar Miete nachzahlen, wenn das Gesetz gekippt wird. Und da sich der Rechtsstreit wohl Jahre ziehen wird, wird diese Nachzahlung wohl deutlich höher liegen als beim gekippten Mietendeckel. Alles in allem ist die Enteignung eine risikoreiche und höchstwahrscheinlich sehr kostspielige Methode. Für mich ist das keine verantwortungsvolle Politik, sondern gleicht Russisch-Roulette mit viel zu vielen Kugeln. 

Denn es stimmt zwar: Berlin hat einen Fehler gemacht, als die Stadt im Jahr 2004 rund 65.000 Wohnungen der landeseigenen Firma GSW verkauft hat, und womöglich war es sogar ein Fehler, 1988 auf Bundesebene die Wohngemeinnützigkeit in Gänze abzuschaffen (erklärt in diesem Video ab Minute 7:20). Deshalb brauchen wir ein Umdenken bei der Versorgung mit Wohnraum. Wir müssen städtische Wohnungsbaugesellschaften, Genossenschaften sowie neue Formen des gemeinschaftlichen Wohnens stärken, indem man sie etwa bei der Vergabe von Land vorzieht. Hinzu kommen diverse rechtliche Möglichkeiten, wie etwa die Durchsetzung der Mietpreisbremse, die Ausweitung von Milieuschutzgebieten oder Einschränkungen bei der Umwandlung von Miet- zu Eigentumswohnungen.

Damit sich die Fehler aus der Vergangenheit nicht wiederholen, sollte Boden in Besitz des Landes Berlin mit Hilfe des Erbbaurechtes verpachtet werden, vorzugsweise an nicht-profitorientierte und landeseigene Gesellschaften. Auch eine Reform der Grundsteuer nach dem Bodenwertmodell sowie den Ausbau des staatlichen Bodenfonds sind geeignete Maßnahmen, den Wohnungsmarkt umzugestalten.

Das ist mühsam und kleinteilig, aber es ist sicherer und günstiger als Russisch-Roulette. Niemand sollte mit dem Wohnraum von Menschen spekulieren – auch nicht Aktivist*innen oder der Staat.

Rigaer Straße 94: Von Idealen und ihrer praktischen Umsetzung

Ich war gestern in der Rigaer Straße und habe dort mit Menschen gesprochen, die vor dem Haus demonstriert haben. Die Gewalt der Anwohner*innen, die mehr als 60 verletzte Polizist*innen zur Folge hatte, verurteile ich – Gewalt hat in einer Demokratie nichts zu suchen, Probleme sollten mit Worten gelöst werden. Deswegen wollte ich wissen, was die Menschen umtreibt, dass sie solche Mittel als legitim erachten.

Vordergründig geht es um eine Brandschutzbegehung, die die Demonstrierenden nicht für nötig und als staatliche Repression verstehen, doch der Konflikt liegt viel tiefer: Die Rigaer Straße 94 ist seit rund 30 Jahren besetzt, mittlerweile nur noch teilweise, für einige Wohnungen gibt es Mietverträge.

Im Jahr 2014 hätten die Besetzer*innen mit Hilfe der gemeinnützigen Edith Mayron Stiftung das Haus übernehmen können. Das aber lehnten sie ab und erklärten auf rigaer94.squat.net auch warum: Sie hätten das Haus sanieren, sich um die Verwaltung kümmern und aus “finanziellen Druck” die Mieten erhöhen müssen. Also das, womit sich andere Eigentümer*innen eben rumschlagen müssen. Das aber würde “viele Kräfte binden” und sei mit “ihren Idealen nicht vereinbar”. Ein solches Ideal ist zum Beispiel die “Selbstorganisierung”. 

Für mich liest sich das so: Die Besetzer*innen wollen gerne in einem Haus wohnen, in dem sie keine Miete zahlen und tun und lassen können, was sie möchten. Wer möchte das nicht? Nur wenn das alle einfach machen würden, gäbe es vermutlich Chaos, Streit und wohl auch Gewalt. Das ist mein Problem mit diesen Idealen: Sie hören sich zwar schön an, doch sie scheitern oft an der praktischen Umsetzung. 

Wir als Gesellschaft haben demokratische Strukturen und Regeln für den Kapitalismus geschaffen, damit Verteilungskonflikte abseits vom dickeren Geldbeutel friedlich beigelegt werden können. Den Demonstrierenden vor Ort sind diese Regeln aber nicht genug: Sie sagen, nur Reiche würden sich Wohnungen mieten und so alte Mieter*innen verdrängen. Die Rigaer Straße 94 sei ein Symbol des Widerstands gegen Gentrifizierung.

Ich denke, hier werden zwei Probleme miteinander vermischt: Zum einen ist da ein teil-besetztes Haus, dessen Besetzer*innen sich bewusst dagegen entschieden haben, mit Hilfe einer gemeinnützigen Stiftung eine legale Rechtsform anzunehmen. Sie wollen nicht die gleichen Rechte und Pflichten wahrnehmen wie jeder andere Mensch in Berlin und verteidigen ihr Ideal auch mit Gewalt. Ich halte diese Einstellung für egoistisch und nicht akzeptabel.

Auf der anderen Seite ist da die Gentrifizierung. Immer mehr Menschen wollen nach Berlin, doch es gibt nicht genug Wohnraum oder genauer: nicht genug Wohnraum, der gut angebunden ist. Dadurch ist der Wohnungsmarkt in angesagten Lagen umkämpft, in der Folge steigen die Mietpreise. Teils so hoch, dass sich Menschen, die in dem Kiez geboren wurden, die Miete nicht mehr leisten können.

Mindestens drei der Demonstrant*innen, mit denen ich gesprochen habe, waren Ur-Berliner*innen und sie kritisierten “die Zugezogenen” oder auch “die Schwaben”, die “in angesagten Vierteln wohnen wollen” und dafür die Verdrängung von alteingesessenen Berliner*innen in Kauf nehmen würden. Auf Nachfrage erklärten sie, dass natürlich jede*r Mensch nach Berlin ziehen dürfe, nur eben nicht überall hin. Ein Anwohner der Rigaer Straße erzählte mir, man müsse sich von den Besetzer*innen Sprüche wie  „Yuppie-Schweine, Schüsse in die Beine“ oder „Wir werden auf Euren Gräbern tanzen“ anhören; auch der RBB hat dazu Interviews mit Anwohner*innen geführt .

Neulich hat der RBB auch gezeigt: Weniger als die Hälfte der Berliner*innen sind in Berlin geboren, das heißt: Die Zugezogenen sind in der Mehrheit. Diese Situation birgt viele Konflikte, die nicht einfach zu lösen sind. Klar müssen wir mehr sozialen Wohnungsbau vorantreiben, einkommensschwache Mieter*innen unterstützen, Milieuschutzgebiete ausweiten und noch viel mehr tun – viele Vorschläge finden sich im Wahlprogramm von Volt Berlin.

Doch in jedem Kiez bringt die Gentrifizierung eigene Probleme mit sich, die sich von Fall zu Fall unterscheiden, zum Beispiel wie mit der Rigaer Straße 94 umzugehen ist. Mein ideales Berlin wäre daher eine Stadt, die in jedem Kiez ein öffentliches Forum bereitstellt, wo Menschen sich regelmäßig treffen und über diese Probleme diskutieren. Dadurch würden sie Toleranz und Verständnis füreinander entwickeln und gemeinsam an Lösungen arbeiten. Das ist mein Ideal. Aber wie das mit Idealen so ist, scheitern sie leider oft an der praktischen Umsetzung. Aber einen öffentlichen Platz könnte man ja schon mal dafür besetzen.

Stress-Wettbewerb

“Aha, du hast also Rückenschmerzen?”

“Nicht nur das: Ich hab auch Kopf- und Nackenschmerzen, und eine Beißschiene, weil ich nachts wegen des ganzen Stresses immer die Zähne zusammendrücke.”

“Aaach, das hab ich schon seit Jahren. Ich nehme sogar jeden Tag drei Schmerztabletten, damit ich klar komme.”

“Ts, Pillepalle, ich muss zweimal die Woche zum Therapeuten und rufe mindestens dreimal die Woche die Krisenhilfe an. Ich habe seit Jahren nicht mehr ordentlich geschlafen.”

“Ach bitte. Auf der Arbeit wetten sie schon auf den nächsten Tag, an dem ich mich wieder versuche umzubringen, weil mir alles zuviel wird.”

“Papperlapp, bei mir wechseln sich die Nachbarn jeden Tag miteinander ab, um an meine Tür zu klopfen, weil sie keine Lust haben, dass das Treppenhaus irgendwann mit Verwesunsgeruch gefüllt ist.”

“Boah, was haben wir nicht für einen Stress, oder?”

“Ja, wir sind echt mal megahart.”

“Kann man nix dran machen.”

“Ne, nix.”

Warum kriegen die nix hin?

 

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“Politiker kriegen nichts auf die Reihe.”

“Ja, echt mal, wer weiß denn nicht, wie man ein Gesetz in Deutschland verabschiedet? Mehrheiten finden, erste, zweite, dritte Lesung, fertig. Und trotzdem kriegen die nix hin. Die ganzen Flüchtlinge sind immer noch nicht abgeschoben.”

“Naja, bei den Flüchtlingen bin ich anderer Meinung als du, aber diese Politiker, die können sich echt auf nix Vernünftiges einigen. Die Hartz-IV-Sanktionen sind immer noch nicht abgeschafft, das ist menschenunwürdig.”

“Okay, also ich finde ja schon, dass Menschen, die nicht arbeiten, ein paar Auflagen zu erfüllen haben. Aber du hast schon recht: Die Politiker sind echt faul und machen nix. Ich mein’, wer hat nicht schon mal vor Hunderten Leuten seine Ideen verteidigt oder stand unter konstanter Beobachtung von Dutzenden Journalisten, die jedes Wort mitschreiben und kritische Nachfragen stellen? Pillekram.”

“Ist echt so lächerlich, was die machen. Und Verantwortung tragen sie auch keine. Bundestagsabgeordnete entscheiden über Gesetze, die gerade mal 80 Millionen Leute betreffen. Dafür lesen die halt mal ein paar Studien, reden mit Interessenvertretern, wägen alles gegeneinander ab und treffen eine Entscheidung. Das hab’ ich schon im Kindergarten gemacht.”

“Die haben nie richtig gearbeitet. Keiner von denen hat eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker und trotzdem wollen die uns weiß machen, dass der Feinstaub unsere Lungen vergiftet.”

“Also bei dem Feinstaub habe ich jetzt schon was zu gelesen, dass der echt schädlich ist, da sollte man was machen, aber sonst geb’ ich dir Recht: Nix können die, sind nur am labern, labern, labern und am Ende kommt nix bei raus.”

“Ja, wir bräuchten einfach mal wieder so einen, der durchgreift, so einen richtigen Macher, wie den Trump.”

“Ne, sowas brauchen wir nun auch wieder nicht. Wir brauchen einfach mal gute Politiker.”

“Nein, wir brauchen überhaupt keine Politiker.”

“Mh, das sehe ich nicht so, aber trotzdem: So kann es nicht weitergehen.”

“Ja, finde ich auch!”

“Siehst du, wir verstehen uns. Warum kriegt das die Politik nicht hin?”