Rigaer Straße 94: Von Idealen und ihrer praktischen Umsetzung

Ich war gestern in der Rigaer Straße und habe dort mit Menschen gesprochen, die vor dem Haus demonstriert haben. Die Gewalt der Anwohner*innen, die mehr als 60 verletzte Polizist*innen zur Folge hatte, verurteile ich – Gewalt hat in einer Demokratie nichts zu suchen, Probleme sollten mit Worten gelöst werden. Deswegen wollte ich wissen, was die Menschen umtreibt, dass sie solche Mittel als legitim erachten.

Vordergründig geht es um eine Brandschutzbegehung, die die Demonstrierenden nicht für nötig und als staatliche Repression verstehen, doch der Konflikt liegt viel tiefer: Die Rigaer Straße 94 ist seit rund 30 Jahren besetzt, mittlerweile nur noch teilweise, für einige Wohnungen gibt es Mietverträge.

Im Jahr 2014 hätten die Besetzer*innen mit Hilfe der gemeinnützigen Edith Mayron Stiftung das Haus übernehmen können. Das aber lehnten sie ab und erklärten auf rigaer94.squat.net auch warum: Sie hätten das Haus sanieren, sich um die Verwaltung kümmern und aus “finanziellen Druck” die Mieten erhöhen müssen. Also das, womit sich andere Eigentümer*innen eben rumschlagen müssen. Das aber würde “viele Kräfte binden” und sei mit “ihren Idealen nicht vereinbar”. Ein solches Ideal ist zum Beispiel die “Selbstorganisierung”. 

Für mich liest sich das so: Die Besetzer*innen wollen gerne in einem Haus wohnen, in dem sie keine Miete zahlen und tun und lassen können, was sie möchten. Wer möchte das nicht? Nur wenn das alle einfach machen würden, gäbe es vermutlich Chaos, Streit und wohl auch Gewalt. Das ist mein Problem mit diesen Idealen: Sie hören sich zwar schön an, doch sie scheitern oft an der praktischen Umsetzung. 

Wir als Gesellschaft haben demokratische Strukturen und Regeln für den Kapitalismus geschaffen, damit Verteilungskonflikte abseits vom dickeren Geldbeutel friedlich beigelegt werden können. Den Demonstrierenden vor Ort sind diese Regeln aber nicht genug: Sie sagen, nur Reiche würden sich Wohnungen mieten und so alte Mieter*innen verdrängen. Die Rigaer Straße 94 sei ein Symbol des Widerstands gegen Gentrifizierung.

Ich denke, hier werden zwei Probleme miteinander vermischt: Zum einen ist da ein teil-besetztes Haus, dessen Besetzer*innen sich bewusst dagegen entschieden haben, mit Hilfe einer gemeinnützigen Stiftung eine legale Rechtsform anzunehmen. Sie wollen nicht die gleichen Rechte und Pflichten wahrnehmen wie jeder andere Mensch in Berlin und verteidigen ihr Ideal auch mit Gewalt. Ich halte diese Einstellung für egoistisch und nicht akzeptabel.

Auf der anderen Seite ist da die Gentrifizierung. Immer mehr Menschen wollen nach Berlin, doch es gibt nicht genug Wohnraum oder genauer: nicht genug Wohnraum, der gut angebunden ist. Dadurch ist der Wohnungsmarkt in angesagten Lagen umkämpft, in der Folge steigen die Mietpreise. Teils so hoch, dass sich Menschen, die in dem Kiez geboren wurden, die Miete nicht mehr leisten können.

Mindestens drei der Demonstrant*innen, mit denen ich gesprochen habe, waren Ur-Berliner*innen und sie kritisierten “die Zugezogenen” oder auch “die Schwaben”, die “in angesagten Vierteln wohnen wollen” und dafür die Verdrängung von alteingesessenen Berliner*innen in Kauf nehmen würden. Auf Nachfrage erklärten sie, dass natürlich jede*r Mensch nach Berlin ziehen dürfe, nur eben nicht überall hin. Ein Anwohner der Rigaer Straße erzählte mir, man müsse sich von den Besetzer*innen Sprüche wie  „Yuppie-Schweine, Schüsse in die Beine“ oder „Wir werden auf Euren Gräbern tanzen“ anhören; auch der RBB hat dazu Interviews mit Anwohner*innen geführt .

Neulich hat der RBB auch gezeigt: Weniger als die Hälfte der Berliner*innen sind in Berlin geboren, das heißt: Die Zugezogenen sind in der Mehrheit. Diese Situation birgt viele Konflikte, die nicht einfach zu lösen sind. Klar müssen wir mehr sozialen Wohnungsbau vorantreiben, einkommensschwache Mieter*innen unterstützen, Milieuschutzgebiete ausweiten und noch viel mehr tun – viele Vorschläge finden sich im Wahlprogramm von Volt Berlin.

Doch in jedem Kiez bringt die Gentrifizierung eigene Probleme mit sich, die sich von Fall zu Fall unterscheiden, zum Beispiel wie mit der Rigaer Straße 94 umzugehen ist. Mein ideales Berlin wäre daher eine Stadt, die in jedem Kiez ein öffentliches Forum bereitstellt, wo Menschen sich regelmäßig treffen und über diese Probleme diskutieren. Dadurch würden sie Toleranz und Verständnis füreinander entwickeln und gemeinsam an Lösungen arbeiten. Das ist mein Ideal. Aber wie das mit Idealen so ist, scheitern sie leider oft an der praktischen Umsetzung. Aber einen öffentlichen Platz könnte man ja schon mal dafür besetzen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: